Wie man die SDGs ins Unternehmen bringt

Nachhaltigkeit ist nur Umweltschutz? Ganz und gar nicht. Zwar fängt unternehmerisches Engagement oft mit der ökologischen Komponente an, doch die Themen sind viel weitreichender. In diesem Blogartikel lernst Du, wie Nachhaltigkeit in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) praktisch umgesetzt werden kann und sich gleichzeitig Potenziale für

  • die Reduktion von Kosten,
  • für die Steigerung der Innovationskraft oder
  • für die Verbesserung von Reputation und Marke identifizieren lassen.

Die 17 Ziele für eine Nachhaltige Entwicklung geben Orientierung für ein Nachhaltigkeitsengagement im Unternehmen. Sie gilt es auf den unternehmerischen Alltag herunterzubrechen und in konkrete Projekte umzusetzen. Mit dem Leitfaden „Die Sustainable Development Goals für und durch KMU“ können sich Unternehmen mit den sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs) auseinandersetzen – ganz egal, ob Handwerksbetrieb oder mittelgroßes Unternehmen.

Sich zu diesen Zielen zu positionieren ist Bestandsaufnahme und Inspiration zugleich.

Leave no one behind!

Bei der UN-Generalversammlung im September 2015 hat sich die weltweite Staatengemeinschaft mit der Agenda 2030 auf 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, die SDGs, verständigt. Im Vergleich zu den zuvor gültigen Millennium Development Goals, die hauptsächlich auf Länder des globalen Südens ausgerichtet waren, appellieren die SDGs an alle Länder, auch Industrienationen wie Deutschland, sich für eine nachhaltige Entwicklung einzusetzen. Dabei gilt mit Blick auf die globalen Ungleichheiten die Prämisse „Leave no one behind“.

Du hast noch nie von den Sustainable Development Goals gehört? Da bist Du nicht alleine. Es sind ja schließlich keine Gesetze, welche Unternehmen unmittelbar betreffen. Die Ziele bilden die politische Leitplanke für das globale Handeln in Sachen Nachhaltigkeit und werden in nationale Strategien und konkrete Maßnahmen heruntergebrochen. Dabei helfen 169 Unterziele, die verdeutlichen, was genau unter den 17 Zielen zu verstehen ist. In Deutschland beispielsweise orientiert sich die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie an diesen Zielen. Konkrete Indikatoren mit denen der Erfolg der Nachhaltigkeitsstrategie gemessen werden soll, finden sich im so genannten Indikatorenbericht. Hier misst sich Deutschland beispielsweise am Nitratgehalt im Grundwasser, an Frauen in Führungspositionen, an der Adipositasquote von Jugendlichen, am Energieverbrauch im Güterverkehr oder – na klar – am Ausstoß von Treibhausgasen.

Du kannst nicht nicht wirken

Nur, was haben diese staatlichen Ziele und Indikatoren jetzt mit Unternehmen zu tun? Neben den politischen Instanzen werden auch Unternehmen mit der Agenda 2030 in die Verantwortung genommen, globale Herausforderungen anzugehen, um die Lebensqualität auf unserem Planeten deutlich zu verbessern. Genauso übrigens auch die Wissenschaft und die Zivilgesellschaft, denn Nachhaltigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Unternehmen sind Teil des öffentlichen Lebens, schaffen Arbeitsplätze, bilden aus, bieten Firmenfitness an oder reduzieren den Energie- und Ressourcenverbrauch in Ihren Prozessen. Nicht zuletzt durch die Wahl der Zulieferer und der Produktionsstandorte haben sie Einfluss auf die globale gesellschaftliche Entwicklung. Unternehmen werden von den Zielen jedoch erst berührt, wenn sie in Gesetze oder entsprechende Anreize umgesetzt werden. Doch es lohnt sich, politische Entwicklungen wahrzunehmen, zu antizipieren und damit Chancen und Risiken bei der eigenen Handeln zu erkennen.

© Azote Images for Stockholm Resilience Centre

Eine kurze Randnotiz an dieser Stelle: Lange ging man davon aus, dass die drei Säulen der Nachhaltigkeit (Ökologie, Ökonomie, Soziales) gleich wichtig wären. Doch seitdem klar ist, dass es planetaren Grenzen gibt (z.B. eine maximale Menge an CO2, die wir emittieren dürfen), ist auch klar, dass die natürlichen Lebensgrundlagen und damit die Ökologie, einer besonderen Zuwendung bedürfen. Insbesondere Industrienationen sind am anthropogenen Klimawandel mit ihrem hohen Ressourcenverbrauch und hohen Treibhausgasemissionen maßgeblich beteiligt. Durch die Auslagerung von Produktionsschritten ins Ausland werden diese Probleme verschärft und schwerer nachvollziehbar. Daher liegt auch bei den Hauptverursachern auch eine besondere Verantwortung. Dargestellt hat dies Prof. Dr. Johan Rockström, Leiter des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in einem „Wedding Cake“, in dem die ökologischen SDGs die Grundlage bilden und alle anderen SDGs darauf aufbauen.

Aus kompliziert konkret machen

Kein Wunder, dass es Unternehmen nicht leicht fällt sich in diesem Spannungsfeld ganz konkret einzuordnen. Dabei bieten die 17 Ziele viele Ansatzpunkte, egal ob sich ein Unternehmen auf dem Einstiegslevel bewegt und sich zunächst grundlegend mit den SDGs beschäftigen möchte oder bereits erste Maßnahmen im Unternehmen getroffen wurden. Jede und jeder kann mitmachen! Die eingangs erwähnte Broschüre regt zur Auseinandersetzung mit den SDGs an und ist gleichzeitig ein tolles Arbeitsbuch, mit dem Du Dein Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit unter die Lupe nehmen kannst.

Welcher Entscheidungstyp bist du?

Einen guten Start stellt dabei die Reflexion der eigenen Entscheidungen im Unternehmen dar. Die SDGs erweitern das ohnehin schon komplexe Entscheidungsgeflecht in Unternehmen um Themen, die möglicherweise noch nicht auf der Agenda standen. Die klassische Kosten-Nutzen-Abwägung bewegt sich oft im Rahmen der Jetzt-für-jetzt-für-selbst-Entscheidungen: Es werden Mittel im Unternehmen investiert, um dieses direkt positiv zu beeinflussen. Die SDGs fügen dem Entscheidungsgeflecht die Perspektive „für andere“ hinzu. Du erinnerst dich an das Credo „Leave no one behind“ – d.h. die eigenen Entscheidungen über den Eigennutzen hinaus auch dem Gemeinwohl zugutekommen zu lassen. Zusätzlich beleuchten die SDGs eine langfristige nachhaltige Entwicklung, die nicht von heute auf morgen erreicht werden kann. Die Agenda 2030 hat sich zum Ziel gesetzt, die ambitionierten Ziele in nun weniger als 10 Jahren zu erreichen – es gibt also noch viel zu tun.

Vielleicht ist Dir der Begriff Generationengerechtigkeit schon einmal begegnet. Es geht darum, künftigen Generationen (unseren Kindern!) ein ebenso gutes Leben wie uns zu ermöglichen. Damit wird den Entscheidungen auch die Perspektive „für dann“ hinzugefügt. Daraus ergeben sich folgende Entscheidungstypen:

  • Jetzt-für-jetzt-für-selbst-Entscheidungen
  • Jetzt-für-jetzt-für-andere-Entscheidungen
  • Jetzt-für-dann-für-selbst-Entscheidungen
  • Jetzt-für-dann-für-andere-Entscheidungen

Besonders deutlich wird diese Unterscheidung, wenn sie in Bezug zum Sollen, Wollen und Können gestellt wird, die alle von einer Führungskraft abverlangt werden:

Jetzt-für-jetztfür-
selbst-Entscheidungen
Jetzt-für-jetzt-für-
andere-Entscheidungen
Jetzt-für-dann-für-selbst-EntscheidungenJetzt-für-dann-für-andere-Entscheidungen
Das muss eine
Führungskraft können
Kosten und Nutzen
einer Alternative klug abwägen können
Wissen, was andere
brauchen und ob das Geben klug für andere ist
Den Zusammenhang
zwischen einer heutigen Maßnahme und den erwarteten Wirkungen in der Zukunft klug prognostizieren
Verstehen, dass auch ein kleines oder mittleres
Unternehmen
eingebettet ist in ein
größeres System, welches länger existieren
wird als das Unternehmen
Das muss eine
Führungskraft
emotional wollen
Entscheidungen
für den eigenen
Nutzen treffen wollen
Mitgefühl mit anderen haben zu wollen und
Partner sein zu wollen
Davon ausgehen, dass das Unternehmen
auch morgen noch
existiert und dafür
heute schon die Bedingungen
geschaffen
werden
Sich als Teil einer
großen gesellschaftlichen
Bewegung zu
spüren, in der wir
immer humanere
Bedingungen für die
Menschen nach uns
schaffen
Das muss einer
Führungskraft wichtig
sein
Mit anderen so umzugehen,
dass sie auch
weitere Geschäfte
mitmachen
Erfolgen teilhaben zu lassen, weil die Gesellschaft
das erwartet

Die wirtschaftlichen,
ökologischen und
sozialen Bedingungen
des Unternehmens
dauerhaft zu stabilisieren
Sich als Mensch einer Ethik zu verpflichten, die die Einheit der ganzen Welt als Ziel
hat
© Giesenbauer & Müller-Christ (2018): Die Sustainable Development Goals für und durch KMU

Dass Du hier auf Widersprüche stößt, ist ganz normal und entspricht auch der Auseinandersetzung mit den SDGs, die ebenfalls widersprüchlich sind. Doch lasse Dich von diesen Dilemmata nicht abschrecken. Gehe los und starte Deinen individuellen Weg der SDGs.

SDGs für KMU – Schritt für Schritt

Schau dir zunächst an, welche Themen sich hinter einem bestimmten SDG verbergen. Bei SDG 15 „Leben an Land“ dreht es sich zum Beispiel um die Wiederherstellung intakter Ökosysteme, die nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern oder den Verlust von Biodiversität. Übertragen auf Dein Unternehmen könntest Du Dir also die biologische Vielfalt auf dem Firmengelände fördern. Dies kann mit Fassadenbegrünung, die den Energieverbrauch für Heizung und Kühlung senkt, oder mit insektenfreundlichen Beeten inklsuive Gartenteich umgesetzt werden. Lass Dich am besten beraten, was auf Deinem Firmengelände möglich ist. In Kooperation mit dem BUND berät beispielsweise die Partnerschaft Umwelt Unternehmen mit welchen Maßnahmen und Mitteln Du Artenvielfalt fördern kannst.

SDG 12 „Nachhaltige Produktions- und Konsummuster“ hat ebenfalle vielfältige Unterziele, die von Vermeidung von (Lebensmittel-)Abfällen über die Steigerung von Ressourceneffizienz bis hin zur Förderung von nachhaltigem Konsum reichen. Schau Dich in Deinem Unternehmen um: Bezieht Ihr Eure Büromaterialien von einer nachhaltigen Quelle? Gibt es in Eurer Kantine oder Kaffeeküche Produkte aus fairem bzw. ökologischem Anbau? Könnt Ihr den Kaffee in Mehrwegbechern mitnehmen und mittags ein vegetarisches Gericht wählen? Werden Abfälle möglichst gut getrennt und recycelt? Wenn Du mit der Nachhaltigkeitsbrille durch Dein Unternehmen läufst, fallen Dir bestimmt viele Dinge auf, die bei Euch bereits gut laufen oder die verbessert werden können. Lies dazu unbedingt unseren Artikel  ‚100  Maßnahmenfür mehr Nachhaltigkeit im Unternehmen‘.

Nicht immer jedoch ist der Beitrag zur Nachhaltigkeit im Unternehmen uneingeschränkt positiv zu sehen und willkommen. In jedem Kapitel der Broschüre findest Du daher auch noch ein Spannungsfeld, das sich auftut. Zum Beispiel zu SDG 7 „Bezahlbare und saubere Energie“:

„Bei vielen Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz gilt es, die Investitionshürde zu überspringen und langfristig zu denken. Das heißt auch mit dem Risiko zu leben, dass heutige Energieeffizienzmaßnahmen zwar langfristig zu einer Reduzierung des absoluten Energieverbrauchs führen, zugleich aber eine Steigerung der Energiekosten bewirken können.“ (SDG 7, Giesenbauer, B. / Müller-Christ, G. (2018)

Bevor Du also eine Maßnahme angehst, mach Dir zunächst Gedanken, was dafür und was dagegen spricht und auch in welcher Entscheidungsdimension Du Dich damit bewegst. Dies wird Dir helfen, Fragen deiner Kolleg*innen zu beantworten und sie mit auf die spannende Reise der Nachhaltigkeit zu nehmen.

Schritt 1: Post-Its nutzen und Brainstormen

Nimm Dir nicht zu viel auf einmal vor und wenn möglich, hole Dir Unterstützung bei Kolleg*innen. Je mehr Perspektiven aus dem Unternehmen in Deine Bestandsaufnahme einfließen, umso besser. Frage Dich: Wo hat unser Unternehmen einen positiven Einfluss und wo hat es einen negativen Einfluss? Ein Vorschlag wäre, dass Du alle Aktivitäten, die Dir aus Deinem Unternehmen mit Bezug zu den SDGs einfallen, auf kleine Zetteln notieren und diese auf der Achse „Hier wirken wir eher positiv“ und „Hier wirken wir eher negativ“ einordnen. Egal, ob Du Deinen Mitarbeitenden Mehrwegsysteme für das Mittagessen oder den Fair Trade Kaffee anbietest, ein Firmenfahrrad zur Verfügung stellst, Geschäftsreisen per Flugzeug durchführst, viele befristete Arbeitsverträge im Unternehmen hast oder kaum Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnest? Euch fallen sicherlich etliche Aspekte ein, bei denen Euch die Einordnung zwischen „eher positiv“ und „eher negativ“ nicht schwer fallen wird. Vielleicht wirst Du auch in der Diskussion mit Kolleg*innen feststellen, dass Ihr unterschiedliche Ansichten auf ein Thema habt. Die Hauptsache ist, dass Ihr den Status-Quo reflektiert.

Schritt 2: Erste Projekte für Nachhaltigkeit im Unternehmen finden

Das wird Dir helfen, ganz konkrete Schritte aus den Überlegungen abzuleiten. Möchtest Du Deine positive Wirkung verstärken oder Deine negative Wirkung reduzieren? Oder sogar beides? Du siehst Möglichkeiten ein konkretes Projekt im Unternehmen umzusetzen? Gründe eine Arbeitsgruppe im Unternehmen und entwickle gemeinsam ein Projekt – je konkreter, umso besser. Denn so wird der zunächst abstrakt wirkende Ansatz der SDGs greifbar.

Fange mit einem Thema an, das Deiner Einschätzung nach das größte Potenzial für konkrete Projektideen bietet und stell Dir folgende Fragen:

  1. Welchen Nutzen erzeugt die Maßnahme?
  2. Was ist zu tun?
  3. Wer ist verantwortlich?
  4. Mit wem, wer unterstützt?
  5. Was sind mögliche Hindernisse?
  6. Auf welche Partner*innen sind wir angewiesen und wie binden wir Sie mit ein?
  7. Womit, welche Mittel sind erforderlich?
  8. Bis wann ist die Aktivität abgeschlossen?
  9. Wie können wir sicherstellen, dass alle Beteiligten am Erfolg teilhaben?
  10. Woran ist die Zielerreichung erkennbar?

Die Antworten auf diese Fragen werden Dir helfen, Dein Projekt zielorientiert anzugehen und weitere Kolleg:*innen mit ins Boot zu holen. So schaffst Du eine breite Unterstützer-Basis in Deinem Unternehmen und trägst gleichzeitig zur Verbreitung der Agenda 2030 bei. Du positionierst Euch zu den SDGs und damit als verantwortungsbewusstes Unternehmen, das seine gesellschaftliche Rolle ernst nimmt und in konkreten Projekten ausdrückt.

Wenn Du eine Ideen von ganz konkreten Maßnahmen bekommen möchtest, empfehlen wir Dir unsere Excel-Liste mit 100 Maßnahmen für Nachhaltigkeit im Unternehmen.

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