Nachhal­tig­keits­stra­te­gie: Beispie­le für Startups und kleine Unternehmen

Lesezeit: 5 Minuten
In diesem Artikel stellen wir Dir weitere Good-Practice-Beispiele für nachhaltiges Wirtschaften vor.

Blogreihe: Studie Stand nachhaltigen Wirtschaftens in Deutschland

Dieser Artikel ist der Dritte unserer Blogreihe zu Beispielen für Nachhaltigkeit in Unternehmen. Die Leuchttürme für nachhaltiges Wirtschaften stammen aus der Studie "Stand nachhaltigen Wirtschaftens in Deutschland". Die Studie wurde vom Rat für nachhaltige Entwicklung in Auftrag gegeben und im Mai 2021 veröffentlicht. Genaueres findest Du im ersten Beitrag dieser Reihe oder hier in der vollständigen Studie.

Inhaltsverzeichnis

Porträts kleiner Unter­neh­men und Start-ups

Es wurden zehn Unter­neh­men heraus­ge­ar­bei­tet, die als Good-Practi­ce-Beispie­le für Nachhal­tig­keit im Unter­neh­men gelten können. Unter­teilt sind diese in drei Kategorien

In den voran­ge­gan­ge­nen Blogbei­trä­gen wurden die Unter­neh­men der Katego­rien 1.) Unter­neh­men in der Trans­for­ma­ti­on und 2.) Unter­neh­men mit Kernge­schäft Nachhal­tig­keit vorge­stellt. Zum Abschluss gehen wir nun auf die nachhal­ti­gen “Leuchtturm”-Unternehmen in der Katego­rie kleine Unter­neh­men und Start-ups ein.

Beispiel I: Ecosia GmbH

Mit jedem Klick ein Baum pflan­zen – das ist die Idee hinter der 2009 gegrün­de­ten GmbH Ecosia. Es handelt sich um eine Inter­net-Suchma­schi­ne, dessen Einnah­men für Auffors­tungs­pro­jek­te verwen­det wird. Ziel des Unter­neh­mens ist es Klima­schutz und Arten­viel­falt zu unter­stüt­zen sowie grüne Arbeits­plät­ze zu schaffen.

Die Strate­gie

Das Prinzip hinter Ecosia gleicht anderen Suchma­schi­nen. Einnah­men werden durch platzier­te Anzei­gen gewon­nen. Diese werden jedoch in Projek­te für Auffors­tun­gen, erneu­er­ba­re Energien sowie regene­ra­ti­ve Landwirt­schaft inves­tiert. Die Ziele des Unter­neh­mens sind kurz und prägnant: Eine Milli­ar­de Bäume pflan­zen, um C02 zu binden. Darüber hinaus sind Daten­schutz und Trans­pa­renz Fokus­the­men in Bezug auf die Nutzer:innen.

Veran­ke­rung & Maßnahmen

Die Ecosia GmbH ist Verant­wor­tungs­ei­gen­tum. Das bedeu­tet, niemand hat Gewinn­rech­te am Unter­neh­men. Um die Trans­pa­renz sicher­zu­stel­len, werden monat­lich Finanz­be­rich­te und Förder­be­schei­ni­gun­gen veröf­fent­licht. Im Bereich des Daten­schut­zes geht das Unter­neh­men ebenfalls voran: Daten werden nicht an Werbe­trä­ger verkauft, es werden keine Nutzer­pro­fi­le erstellt und es gibt die Möglich­keit, das Tracking vollstän­dig zu deakti­vie­ren. Außer­dem benutzt Ecosia eine siche­re Verschlüsselungstechnologie.

Weite­re Highlights des Nachhaltigkeitsansatzes

  • Fortschritt: Stand März 2021 wurden bereits 120.000.000 Bäume durch Ecosia gepflanzt.
  • Grüne Energie: Der Strom für die Server ist zu 100 % aus erneu­er­ba­ren Energien.
  • Co2-Reduk­ti­on: Jede Ecosia-Suche entzieht der Atmosphä­re 1 kg CO₂.
  • Daten­schutz: Inner­halb einer Woche werden alle Suchda­ten anonymisiert.

Beispiel II: Africa Green Tec AG

Der Unter­neh­mens­zweck des nächs­ten Unter­neh­mens, ist die Bereit­stel­lung von Co2-neutra­ler Strom­pro­duk­ti­on, Kühlungs­mög­lich­kei­ten, Wasser­auf­be­rei­tung und Kommu­ni­ka­ti­on in afrika­ni­schen Dörfern. Es handelt sich um die Africa Green Tec AG. Die Funkti­ons­wei­se wird als “impact-driven” bezeich­net, da das Unter­neh­men zwar gewinn­ori­en­tiert arbei­tet, aber im Kern an der Lösung eines gesell­schaft­li­chen Problems orien­tiert ist.

Die Strate­gie

In Afrika gibt es viele ländli­che Gegen­den, die keine öffent­li­che Strom- und Infra­struk­tur haben. Um hier Co2-neutra­le Alter­na­ti­ven aufbau­en, bietet die Africa Green Tec AG ein umfas­sen­des Konzept an. Dazu gehören:

  • Solar­tai­ner (mobile Solar­an­la­gen in Contai­nern) mit integrier­ter Wasseraufbereitungsanlage,
  • smarte Mini Grids,
  • Satel­li­ten- und Inter­net­ver­bin­dun­gen und
  • “Impact­Pro­ducts” wie energie­spa­ren­de Kühlschrän­ke oder LED-Lampen.

Diese Syste­me werden in enger Zusam­men­ar­beit mit den Bewohner:innen aufge­baut. Außer­dem werden Perso­nen vor Ort ausge­bil­det, die anschlie­ßend die Wartung der Syste­me überneh­men. Die dadurch entste­hen­de zuver­läs­si­ge Strom­ver­sor­gung führt zu neuen Arbeits­plät­zen in den Dörfern.

Unter­neh­mens­zie­le & Verankerung

Durch die Instal­la­ti­on der sogenann­ten “Impact­Si­tes” will die Africa Green Tec AG bis 2023 insge­samt 500 Mio. Menschen mit Strom versor­gen, 20.000 Tonnen CO₂ einspa­ren und 6.000 Klein­un­ter­neh­men befähi­gen. Nachhal­tig­keit ist bei diesem Unter­neh­men ein wesent­li­cher Teil des Geschäfts­mo­dells. Durch die bishe­ri­gen Instal­la­tio­nen von rund 22 Contai­nern konnten bereits 24.000 Menschen mit Strom versorgt werden und 2.000 Tonnen Co2-einge­spart werden.

Weite­re Highlights des Nachhaltigkeitsansatzes

  • Crowd-basier­te Finan­zie­rung: Durch eine „Crowd“ kann die Finan­zie­rung der Syste­me unter­schied­li­che geför­dert werden. Z.B. durch Eigen­mit­tel, Crowd­in­ves­ting oder Sponsoring.
  • Arbeits­plät­ze: Durch die Strom­ver­sor­gung können viele Klein­un­ter­neh­men ihre Produk­ti­vi­tät steigern und neue Arbeits­plät­ze anbieten.

Podcast: Solar­strom in Afrika

Im Zuge der Studie wurde eine Podcast-Folge gemein­sam mit der Africa Green Tec AG aufge­nom­men. Hier erzählt Torsten Schrei­ber, Gründer und CEO von der Unter­neh­mens­idee, der Arbeit in Afrika und den tägli­chen Herausforderungen.

Beispiel II: Regio­nal­wert AG

Um die regio­na­le und ökolo­gi­sche Landwirt­schaft zu unter­stüt­zen, hat Landwirt Chris­ti­an Hiß im Jahr 2006 die erste Regio­nal­wert AG gegrün­det. Mit seinem Unter­neh­men baut er regio­na­le Netzwer­ke auf, die durch Kapital­an­la­gen Klein­be­trie­be entlang der Wertschöp­fungs­ket­te der Lebens­mit­tel­her­stel­lung unterstützen.

Die Strate­gie

Die Regio­nal­wert AG bringt Produ­zen­ten und Konsu­men­ten mit Anteil­eig­nern zusam­men. Dadurch werden unter­schied­li­che Branchen unterstützt:

  • ökolo­gi­sche Landwirtschaft,
  • Lebens­mit­tel­ver­ar­bei­tung,
  • Handel,
  • Gastro­no­mie.

Da es sich um regio­na­le Wertschöp­fungs­ket­ten handelt, wird gleich­zei­tig ein ökolo­gi­scher Mehrwert geschaffen.

Die Ziele der Regio­nal­wert AG

Die Regio­nal­wert AG möchte unter­neh­me­ri­sches und ökolo­gi­sches Handeln mit regio­na­lem Bezug stärken und eine Verbin­dung zwischen Stadt und Land sowie Produ­zen­ten und Konsu­men­ten herstel­len. Durch die Verknüp­fung von BWL, VWL, Finanz­wirt­schaft und Realwirt­schaft wird ein mehrdi­men­sio­na­ler Profit erwirt­schaf­tet. Dadurch kann vielfäl­ti­ge Aufbau- und Entwick­lungs­ar­beit, beson­ders in der Gründungs­pha­se von regio­na­len Betrie­ben, geleis­tet werden. Ein grund­le­gen­des Ziel ist es, eine regio­na­le Ernäh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät auf Basis eines Gesell­schafts­ver­tra­ges zwischen Produ­zen­ten und Konsu­men­ten zu implementieren.

Veran­ke­rung & Maßnahmen

Nachhal­tig­keit ist bei der Regio­nal­wert AG wesent­lich im Unter­neh­mens­zweck veran­kert. Neben dem Aufbau eines regio­na­len Netzwerks bietet das Unter­neh­men einen Selbst­check für Nachhal­tig­keit für die Betrie­be an. Dadurch können die Unter­neh­men vor Ort ihre eigene Handlungs­wei­se im Bereich Ökolo­gie und Sozia­les besser einschät­zen und ggf. voran­brin­gen. Die Regio­nal­wert­leis­tungs­rech­nung ermög­licht es den Betrie­ben monetä­re Nachwei­se über nachhal­ti­ge, regio­nal­öko­no­mi­sche Leistun­gen zu schaffen.

Weite­re Highlights des Nachhaltigkeitsansatzes

  • Regio­nal­wert: Insge­samt 850 Geldge­ber haben bereits Aktien in Höhe von ca. 4 Mio. Euro gezeichnet.
  • Beratung: Inves­to­ren, KMUs, landwirt­schaft­li­che Betrie­be und Banken können sich von der Regio­nal­wert AG zum Aufbau regio­na­ler und resili­en­ter Wertschöp­fungs­ket­ten beraten lassen.
  • Wirkungs­kreis: Das Unter­neh­men plant in Zukunft Biokü­chen zu eröff­nen bzw. finan­zie­ren, welche die Verpfle­gung von öffent­li­chen Einrich­tun­gen, wie z.B. Pflege­hei­men regio­nal organi­sie­ren sollen.

Beispiel III: SirPlus GmbH

Das letzte Start-up, welches es in der Studie nachhal­ti­ges Wirtschaf­ten in Deutsch­land unter die Good-Practi­ce-Beispie­le geschafft hat, ist die SirPlus GmbH. Seit 2017 verkauft das “Impact-Start­up” geret­te­te Lebens­mit­tel im Online-Shop und in sogenann­ten “Rettungs­märk­ten”. Lebens­mit­tel, die aufgrund eines überschrit­te­nen Mindest­halt­bar­keits­da­tums oder weil sie nicht der Norm entspre­chen, in konven­tio­nel­len Märkten nicht (mehr) verkauft werden, rettet SirPlus vor der Müllton­ne und bringt sie an die Konsumenten:innen.

“Tafel-first”-Prinzip

Insge­samt arbei­tet das Unter­neh­men mit über 700 Produzenten:innen zusam­men. Ein wichti­ger Grund­satz steht aber an erster Stelle: Es werden nur Lebens­mit­tel­spen­den verwen­det, die nicht an die Tafeln gehen. Zweck ist es nicht aus den Spenden Profit zu schla­gen, statt sie an wohltä­ti­ge Projek­te zu geben, sondern die Lebens­mit­tel, die am Ende übrig bleiben zu retten, um Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung zu verhindern.

Ziele & Maßnahmen

Das Ziel des Unter­neh­mens wird durch den Geschäfts­zweck bereits deutlich: Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung reduzie­ren und den Hunger in der Welt bekämp­fen. Durch weniger Verschwen­dung wird zusätz­lich CO₂ einge­spart. Für die Zukunft hat die SirPlus GmbH weite­re Ideen: Es sollen Produk­te für herkömm­li­che Super­märk­te aus überschüs­si­gen Lebens­mit­teln herge­stellt werden. Als Sozial­un­ter­neh­men haben bei SirPlus Nachhal­tig­keit und sozia­les Engage­ment Vorrang vor wirtschaft­li­chen Zielen. Somit gibt es keine klassi­schen Inves­to­ren, sondern nur “Impact Inves­to­ren”, die neben finan­zi­el­len Rendi­ten vor allem auch einen gesell­schaft­li­chen Mehrwert erzie­len möchten.

Weite­re Highlights des Nachhaltigkeitsansatzes

  • #issge­ret­tet: Seit der Gründung wurden schon 2000 Tonnen Lebens­mit­tel gerettet.
  • Engage­ment: Das Unter­neh­men unter­stützt das Projekt „Besser Lernen ohne Hunger“.
  • Fair: SirPlus zahlt den Produzenten:innen für die Lebens­mit­tel einen fairen Preis.
  • Bildung: Das Unter­neh­men führt Bildungs­ver­an­stal­tun­gen in Form von Online-Workshops oder Vorträ­gen zum Thema Leben­mit­tel­wert­schät­zung- und verschwen­dung durch.
  • White­Mon­day: SirPlus ist Teil der „White Monday“-Bewegung, eine Gegen­in­itia­ti­ve zum Konsum­tag „Black Friday“.

Das waren die letzten drei Good-Practi­ce-Beispie­le aus der Studie Stand nachhal­ti­gen Wirtschaf­tens in Deutsch­land. Wenn du mehr zur Studie und den Hinter­grund­in­for­ma­tio­nen wissen willst, schau gerne hier in die gesam­te Studie hinein.

Dr. Colin Bien

Colin ist Gründer von .nRole. Als promovierter Wirtschaftswissenschaftler mit Nachhaltigkeitsschwerpunkt hat er den Onlineshops True Fabrics gegründet und daher umfassende Kompetenzen im E-Commerce und Onlinemarketing. Zuvor gründete er die Event- und DJ-Agentur Boom le Choc mit. Er co-initiierte das europaweit größte Netzwerk für Nachhaltigkeit an Hochschulen (HOCHN) und hat als freiberuflicher Trainer für den Europäischen Rechnungshof gearbeitet. Erfahrungen in der Nachhaltigkeitsberatung hat er als Werkstudent in verschiedenen Beratungen gewinnen können. Er war Koordinator für Nachhaltigkeitsfragen an der Universität Oldenburg und zuletzt wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg. Colin hat an den Universitäten Oldenburg, Lüneburg und der ESCP Berlin doziert, mit dem Schwerpunkt auf Geschäftsmodellentwicklung grüner Start-ups.

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